Hedwige ging - eine SchwitzhĂŒttengeschichte

FrĂŒh am Morgen stand sie auf, die Kinder schliefen noch, sie ging zur TĂŒr, und verschwand.

Viel zu viel war passiert in den letzten Jahren, oder auch nicht. Jetzt aber war ihr das Unbekannte lieber als das GefÀngnis ihres Lebens, jetzt war sie gekommen - ihre Zeit.

Hedwige war nicht ihr richtiger Name, sie fĂŒhlte nicht danach noch hörte sie darauf, Hedwige war etwas anderes, etwas von außen Aufgesetztes.

Der Name war genauso falsch wie ihr Leben!

“Flieg mit dem Wind” war ihr tatsĂ€chlicher Name, die Vögel haben ihn ihr geflĂŒstert in jener Zeit, als ihr Herz und ihre Seele noch jung waren.

Heute, heute erinnert sie sich genau an jene Zeit, in der es keine Grenzen gab und ihr Sein ĂŒberall sein konnte.

Sie war... Kind... und Frau und Mensch und Geist zugleich. Das war ihr GlĂŒck ihrer Kindheit, und der Glaube an dieses GlĂŒck ließ sie jetzt gehen.

Hedwige ging - und Flieg mit dem Wind wurde wiedergeboren, hervorgeholt aus Zweifeln, Angst und Intoleranz. Hervorgeholt ... Flieg mit dem Wind war und ist ihr Name, die Vögel haben ihn ihr geschenkt.

Flieg - nein, das kannst du nicht, mit- nein, vertraue niemals dem- unbekannten Wind

Flieg mit dem Wind ging, wĂ€hrend ihre Kinder noch schliefen, sie ging hinaus, alleine, doch frei, fröstelnd, doch wohlig, wankelmĂŒtig, aber bei sich.

Sie ging ĂŒber Wiesen, durch WĂ€lder und bemerkte die Zeit nicht, bemerkte weder das Fortschreiten des Tages, noch das verĂ€ndern des  GelĂ€nde, sie folgte einfach dem Wind, denn sie war Flieg mit dem Wind, und genau das  tat sie, ihre Seele flog und unermessliches GlĂŒck durchstömte sie. Und wĂ€hrend sie ging, beobachtete sie sich von oben.

Sie war in sich und auch außerhalb von ihr, sie hörte die Pflanzen, die Tiere, ja sogar die Steine sprechen und manche grĂŒĂŸten sie sogar. Flieg mit dem Wind, schön Dich zu sehen. Flieg mit dem Wind, hey Du bist wieder da.

Ihr GlĂŒck war unermesslich an jenem Tag, so unermesslich wie sie es schon lange nicht mehr gefĂŒhlt hatte. Es war vergangen mit der Zartheit ihrer Jugend. Nun aber war es zurĂŒck, das unschuldige GlĂŒck.

Sie merkte nicht, dass sie hoch in den Bergen war, als ein Abgrund sie stoppte und abrupt aus ihrem Sein riss. Ihr Abgrund des Lebens hatte sie eigeholt.

“Willst Du wahrhaftig Du sein?”, hörte sie eine Stimme sagen. "Bist Du wahrhaftig, Flieg mit dem Wind? Bist Du tatsĂ€chlich wahrhaftig genug um in den Spiegel Deines Lebens zu sehen? Wenn ja, dann spring.”

Wahrhaftigkeit ist die Akzeptanz des Leben im Angesicht des Unbekannten. Bist Du wahrhaftig. Dann spring.

Lange dauerte der Flug, oder besser der Sturz. Bewusst wurde ihr, was sie alles nicht war, nicht tat und auch nicht zuließ. Bewusst wurden ihr ihre bisherigen Taten, die sich hauptsĂ€chlich gegen sich selbst gerichtet hatten. Bewusst wurde ihr das, was sie schon immer wusste, schon immer hörte und eigentlich auch glaubte. Aber bisher war die Angst zu groß, doch jetzt gab es kein ZurĂŒck. Nichts konnte den Sturz nach unten mehr stoppen. Nichts aber auch gar nichts konnte die Zerstörung ihrer selbst aufhalten, nichts ihr Sterben bremsen. Sie war einem Irrtum aufgesessen.

Auch wenn ihr Name Flieg mit dem Wind war, so war sie doch kein Vogel, kein Geist, auch kein Engel. Mensch war sie, und als solcher fand sie an diesem Tag den Tod.

Wahrhaftigkeit ist nicht der Glaube daran. Wahrhaftigkeit ist nicht der Spiegel. Wahrhaftigkeit ist die fĂŒllende Basis der eigenen Existenz. Alles andere ist ein Traum an einem nie enden wollenden Sommertag - der Tod ist und kein Leben hat.

Nicht das was aus dem Spiegel herausblickt ist wahrhaftig, ein Spiegel besitzt kein Leben. Und nur weil man in einen Spiegel blickt ist Wahrhaftigkeit nicht gewonnen und Kinder werden ihre Mutter vermissen, in dem Versuch gestorben vor sich selbst zu fliehen.

Wahrhaftigkeit ist niemals Flucht.